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Wollen wir tauschen

Kürzlich fuhr ich mit dem Zug von Basel nach Zürich. Das Abteil war nur mässig besetzt und mir gegenüber sass eine ältere Dame.

Bereits nach wenigen Minuten sprach sie mich an, sah dabei allerdings aus dem Fenster, weshalb ich mich genötigt sah, sie um eine Wiederholung des gesagten zu bitten und lieferte auch gleich die (nötige) Erklärung dazu. Während ich gespannt wartete, meinte sie, das täte ihr leid, öffnete ihre Tasche, nahm ein Buch heraus und begann zu lesen. Völlig perplex über diese Reaktion, vermutete ich ein Missverständnis, beugte mich zu ihr herüber, stupste sie am Arm und ergänzte meine Erklärung mit den Worten, dass es nur an den Ohren fehlen würde, ob sie nicht doch einen Versuch starten wolle und mir eine Chance geben.

Wenn ich mir nicht so sicher war, ob dies eine gute Idee gewesen war, wurde ich augenblicklich eines besseren belehrt und es ergab sich ein angenehmes Gespräch, in dessen Verlauf mein gegenüber genau wissen wollte, ob ich einen Beruf erlernt hätte, wie ich meinen Alltag so gestalten würde und ob das nicht furchtbar anstrengend sei, sich den ganzen Tag so um "alles bemühen" zu müssen. Unter anderem stellte ich ihr nun dar, dass es absolut auch seine Vorteile hätte, nicht alles zu hören bzw. hören zu müssen wie zum Bsp. Reklame, laut eingestellte Walkman oder Ipods, das vermutlich an vielen Orten Musik laufen würde, ich sozusagen überall meine Ruhe hätte, im Zug nicht extra ein Ruheabteil aufsuchen müsse, um Ruhe zu haben, gerade wegen der Behinderung imer wieder ausgesprochen interessante Bekanntschaften machen würde, spannende Gespräche erleben könnte, auch würde ich die Gebärdensparche sehr interessant finden und hätte sie nicht nur "für mich" gelernt, sondern in der Absicht und der Option dies als Dienstleistung zur Verfügung zu stellen, da ich in meinem als Rettungssanitäterin immer wieder auch auf gehörlose Patienten treffen würde.

Mein Gegenüber hatte sehr aufmerksam zugehört und meinte nach einer Weile, das stimme allerdings dass hätte sie sich noch nicht in dieser Richtung überlegt und sie würde sich öfter ärgern über das "akustische Geriesel", ich hätte es besser als sie, da ich entscheiden könne, wann ich "zuhören" = ablesen wolle und wann nicht. Kurz bevor wir Zürich erreichten, fragte ich sie ob wir tauschen wollten? Das aber wollte sie dann doch nicht...

Petra Schuh

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