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Zeitzeuge

Seit über 50 Jahren trage ich Hörgeräte „von der Pike auf“. Nach Masern bekam ich 1950 meine Innenohrschwerhörigkeit.

Ich war damals in der glücklichen Lage, durch meinen Vater Rudolf Kaspar, in seiner Funktion als Hörgeräte-Vertreter von Philips und durch Prof. Hahlbrock in der HNO von Freiburg mein erstes Taschenhörgerät am rechten Ohr zu bekommen. Insofern habe ich die Schule mit normal hörenden Klassenkameraden von Anfang an erlebt.

Bevor der Beruf des Hörgeräteakustikers überhaupt in den 60er-Jahren durch den Innungsobermeister der Augenoptiker, Herrn Werner Pistor ins Leben gerufen wurde, sind Hörgeräte nach dem Tonaudiogramm des Ohrenarztes durch ‚Zuweisung’ bei Hausbesuchen nur an einem Ohr mit geringen Kassenleistungen verkauft worden.

Dazu bedienten sich die großen Hersteller, wie Bosch – Philips – Siemens u. a. der Film- oder Theatervorführung, um mit den damals installierten Ringleitungen das induktive Hören als nebengeräuschfreie Schallübertragung zu demonstrieren.

Es weiß heute offensichtlich niemand mehr, wie störend Reibegeräusche von unter der Kleidung getragener Taschengeräte wirklich waren. Ich habe es hautnah erlebt!

Hier hatte die in diesen Geräten eingebaute Telefonspule bei den damaligen ‚Handapparaten’ der Telefone den entscheidenden Vorteil, dass Telefonate klar und deutlich über die Stellung "T" verstanden wurden.

So weit ich zurückdenken kann, hatte die Telefonspule im Hörgerät bei allen Herstellerfirmen immer einen großen Stellenwert – leider im Gegensatz zu heute!

Die Firma Philips z. B. hatte für den häuslichen induktiven Empfang für das Radio kleine Induktionsplättchen in Leder eingenäht im Angebot, die einfach an das Taschenhörgerät geklemmt werden konnten und mit dem Radio (als Verstärker) direkt verbunden waren.

Erst später sind dann die in der Scheuerleiste verlegten Ringleitungen mit separatem Verstärker dazugekommen, mit denen sich Hörgeräträger frei im Raum bewegen konnten.

In den ersten Fachgeschäften, die überwiegend Radios und Fernseher führten, aber auch Schmuck und Brillen verkauften, bekamen die Kunden ganz selbstverständlich das induktive Hören vorgeführt und die Induktionsempfangsgeräte wurden gleich mit dazu verkauft.

Dies war ein prima Zusatzgeschäft, zumal in den damaligen Jahren eben noch nicht in jedem Haushalt ein Fernseher stand und die Leute deshalb viel mehr als heute ins Kino und ins Theater gingen. Die Kreis der wenigen Hörgeräteträger hatte damals ein exzellentes Sprachverstehen über die Stellung „T“ in ihren Geräten – fast wie über Kopfhörer.

Mit Sicherheit waren die seit 1954 installierten Induktions – Hörschleifen noch weit bis in die 60er – Jahre hinein in den Kinos vorhanden. Ich weiß das deswegen so genau, weil ich mich an den Titel einer Werbe – Filmvorführung von Philips in der Kurbel erinnere: „Hohheit lassen bitten…“

Auch als Ende der 50–er–Jahre Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte und Hörbrillen auf den Markt kamen, gehörte eine Telefonspule nach wie vor zur Grundausstattung, weil eben ein nebengeräuschfreies Verstehen über 4 Meter hinaus – auch heute noch – nur über Mikrofon und Hörer allein trotz ‚Hightech-Geräten’ physikalisch nicht möglich ist.

Seit Beginn meiner Schwerhörigkeit benützte ich privat zum richtigen Wortverstehen bei Radio und Fernsehen ausschließlich die Telefonspule über Hörkissen – Hörkragen oder Unterteppichringleitung (jeweils mit Verstärker). Auch in Zukunft werde ich dies mit meinem CI tun, das ich 2003 rechts bekam.

Als in den 60er-Jahren Sennheiser mit den ersten ‚offenen Kopfhörern’ auf den Markt kam, setzte ich mir diese auf meine damalige Hörbrille auf und verstand induktiv wesentlich besser als über Mikrofon.

Leider werden auch in Zukunft nur sehr wenige Hörgeschädigte mit Hörgerät und Telefonspule ihr Recht nach barrierefreiem Verstehen einklagen, weil sie

  • bis auf wenige Ausnahmen nicht selbstbewusst genug sind, dies zu tun,
  • von den wenigsten Hörgeräteakustikern eine diesbezügliche korrekte Aufklärung erhalten, auch nicht über private Induktionsanlagen,
  • barrierefreie Kommunikation für viele ein Fremdwort ist und
  • auch da, wo gute Induktionsanlagen existieren, nicht permanent auf diese hingewiesen wird – in welcher Form auch immer.

Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass alle meine privat genutzten induktiven Verstehanlagen seit mehr als 30 Jahren störungsfrei laufen, ohne dass sie jemals hätten repariert werden müssen.

Klaus Fey, Freiburg

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Gerhard Kolbe
Weiterhin viel Erfolg ! Ein frohes Weihnachtsfest und glückliches neues Jahr 2011 wünscht auf diesem Wege Dein ehemaliger Praktiker Gerhard. Auf meiner E-Mail kannst du mich immer erreichen.

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