11 November 2020

Häufigere Behandlung mit Cochlea-Implantaten: Noch mehr Erwachsenen kann geholfen werden

Ein medizinisches Expertengremium hat 20 Konsenserklärungen zu sieben Schwerpunkten zum Thema Cochlea-Implantate (CI) verabschiedet. In ihrem gemeinsamen Papier äußern sich die Fachleute zu Cochlea-Implantaten als einer wirksamen Behandlung von moderatem, schwerem oder gar hochgradigem Hochtonsteilabfall bis schwerem, beidseitigem sensorineuralen Hörverlust bei Erwachsenen.

Ein sogenanntes „Delphi-Panel” aus 31 medizinischen Experten hat 20 Konsenserklärungen zu einseitigen Cochlea-Implantat-Versorgung bei Erwachsenen mit beidseitigem schwerem, hochgradigen oder moderatem Hochtonsteilabfall bis schwerwiegender sensorineuraler Schwerhörigkeit verfasst. Alle gemeinsamen Standpunkte werden von den Experten befürwortet. Der Delphi-Konsensprozess wurde von dem Vorsitzenden des Panels, Dr. Craig Buchman, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie an der Washington University School of Medicine in den USA geleitet.

Darüber hinaus waren auch Stellvertreter internationaler CI-Selbsthilfeverbände und professioneller Interessengemeinschaften an der Erarbeitung der Konsenserklärungen beteiligt.

Sieben Schwerpunkte

Die Konsenserklärungen zu Cochlea-Implantaten liefern Empfehlungen zu sieben Schwerpunkten:

  • Cochlea-Implantate im Bewusstsein der Öffentlichkeit,
  • best-practice klinische Pfade zur Diagnose,
  • best-practice Leitlinien für die Chirurgie,
  • klinische Wirksamkeit von Cochlea-Implantaten,
  • mit Resultaten nach der Implantation verbundene Faktoren,
  • Verhältnis zwischen Schwerhörigkeit, Depression, Kognition und Demenz,
  • Kostenfaktoren bei Cochlea-Implantaten.

Was ist ein Delphi-Verfahren?

Die Delphi-Methode ist ein anerkanntes Verfahren, mithilfe dessen eine Expertengruppe durch sammeln und zusammenfassen fundierter Standpunkte der einzelnen Mitglieder Konsens erreichen kann. In der klinischen Forschung ist das Hauptziel eines Delphi-Konsens, eine Liste gemeinsamer Standpunkte zu erarbeiten, die aktuelles klinisches Expertenwissen innerhalb des jeweiligen Forschungsfelds wiederspiegeln. Eine Konsenserklärung kann auch als Leitlinie gedacht sein, um beispielsweise die Diagnose oder Behandlung einer bestimmten Erkrankung oder Patientengruppe zu verbessern.

Viel zu wenige mit Cochlea-Implantaten behandelt

Viele Personen, die an einem beidseitigen moderaten, schweren oder hochgradigen Hochtonsteilabfall sowie einem schwerwiegenden sensorineuralen Hörverlust (SNHL) leiden, können die Vorteile von Hörgeräten unter Umständen nicht für sich nutzen. Für diese Betroffenen sind Cochlea-Implantate eine sehr gute Behandlungsmöglichkeit.

Jedoch erhalten viele schwerhörige Erwachsene keine Cochlea-Implantate, obwohl sie durchaus vorteilhaft für sie wären. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass nicht mehr als einer von zwanzig Erwachsenen, die von einer Behandlung mit Cochlea-Implantaten profitieren könnten, auch mit den entsprechenden implantierbaren Hörlösungen behandelt werden.

Eine solche Unterversorgung mit Cochlea-Implantaten führt zu einer erheblichen unnötigen Belastung des einzelnen Schwerhörigen; nicht nur in Form einer geringeren Lebensqualität, sondern auch mit möglichen ökonomischen und sozialen Folgen für den Betroffenen. Die vorherrschende Unterversorgung hat viele Gründe. Dazu zählen beispielsweise ein geringes Bewusstseins für die Vorteile von Cochlea-Implantaten bei medizinischem Fachpersonal und Patienten mit schwerem oder gar hochgradigem Hörverlust sowie ein genereller Mangel an fachspezifischen Überweisungswegen.

Zwanzig Standpunkte

Die zwanzig gemeinsamen Standpunkte des Delphi-Panels sind:

Cochlea-Implantate im Bewusstsein der Öffentlichkeit
1. Sowohl Dienstleister im Bereich der medizinischen Grundversorgung als auch der Hörgesundheit sind unzureichend über Cochlea-Implantate informiert, was dazu führt, dass weniger geeignete Kandidaten erkannt werden und ein CI erhalten. Klare Leitlinien zur Überweisung und Ermittlung geeigneter Kandidaten würden den Zugang zu Cochlea-Implantaten erleichtern.

Best-practice klinische Pfade zur Diagnose
2. Die Erkennung von Hörverlusten bei Erwachsenen ist wichtig. Reintonaudiometrie-Untersuchungen werden dabei als die wirksamste Methode eingestuft. Werden diese durch einen Fragebogen oder ein Interview ergänzt, wird die Erkennung von sensorineuralem Hörverlust verbessert.

3. Bevorzugt unterstützte Spracherkennungstest von erwachsenen CI-Patienten umfassen die Überprüfung der Erkennung einsilbiger Wörter und (kurzer) Sätze. Diese werden bei absoluter Stille und bei Hintergrundgeräuschen durchgeführt. Eine erweiterte Standardisierung der Spracherkennungstests wird benötigt, um einen Vergleich von Resultaten verschiedener Studien und auf internationaler Ebene zu ermöglichen.

4. Das Alter des Patienten sollte nie der einzige begrenzende Faktor für eine Implantation sein, da ein besseres Sprachverständnis und eine höhere Lebensqualität bei sowohl älteren als auch jüngeren Erwachsenen erzielt werden können.

Best-practice Leitlinien für die Chirurgie
5. Sowohl periomodiolare (abgerundete) als auch gerade Elektroden haben bei der CI-Versorgung einen klinisch geprüften Effekt und gleichzeitig eine geringe Komplikationsrate.

6. Wenn möglich, kann eine gehörerhaltende Operation für Betroffene mit einem erheblichen Resthörvermögen große Vorteile haben.

Klinische Wirksamkeit von Cochlea-Implantaten
7. Cochlea-Implantate verbessern die Sprachwahrnehmung in sowohl ruhigen Hörumgebungen als auch bei leichten Hintergrundgeräuschen. Dies gilt für Erwachsene, die an einem moderaten, schweren oder hochgradigen Hochtonsteilabfall bis hochgradigem sensorineuralem Hörverlust leiden. Man nimmt an, dass die beobachteten Verbesserungen der Sprachwahrnehmung auf Dauer gleichbleibend sein werden.

8. Tests zur Prüfung der Wahrnehmung von Wörtern und Sätzen sollten dazu genutzt werden, das Spracherkennungsvermögen der Patienten nach der Implantation zu untersuchen.

9. Cochlea-Implantate verbessern die allgemeine und die speziell auf das Hörvermögen bezogene Lebensqualität Erwachsener mit bilateralem moderaten, schwerem oder hochgradigem Hochtonsteilabfall bis schwerwiegendem sensorineuralem Hörverlust beträchtlich.

10. Erwachsene, die als Kandidaten für ein Cochlea-Implantat infrage kommen, sollten dieses schnellstmöglich erhalten, um dadurch das maximale Spracherkennungsvermögen nach der Implantation zu sichern.

Mit Resultaten nach der Implantation verbundene Faktoren
11. Langandauernder unbehandelter Hörverlust sollte kein Hindernis sein: Sogar Personen, die ein CI nach einer länger als 15 Jahren nicht behandelten einseitigen Hörminderung erhalten haben, zeigen nach der Implantation Verbesserung in ihrer Fähigkeit, Sprache wahrzunehmen.

12. Erwachsenen, die sich einer Cochlea-Implantation unterzogen haben, sollten regelmäßig Anpassungen der Implantate, sogenannte Fittings, angeboten werden, damit sie das Beste aus ihren Hörimplantaten herausholen können.

13. Patienten sollten nach Möglichkeit Hörgeräte zusammen mit ihren Cochlea-Implantaten verwenden, um die Vorteile einer beidseitigen Versorgung und damit das bestmögliche Spracherkennungsvermögen und Lebensqualität zu erreichen.

14. Viele Faktoren beeinflussen die Ergebnisse einer Cochlea-Implantation. Es bedarf mehr Forschung, um die Tragweite der Effekte zu verstehen.

Verhältnis zwischen Schwerhörigkeit, Depression, Kognition und Demenz
15. Schwerhörige Erwachsene können immens von sozialer Isolation, Einsamkeit und Depression berührt sein. Wissenschaftliche Funde deuten darauf hin, dass eine Behandlung mit Cochlea-Implantaten die mentale Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden der Patienten verbessern kann. Es bedarf jedoch weiterer Langzeitstudien, um mehr fundiertes Wissen in diesem Bereich zu erlangen.

16. Es besteht eine Verbindung zwischen altersbedingter Schwerhörigkeit und Beeinträchtigungen des Gedächtnisses sowie der kognitiven Funktionen.

17. Weitere Forschung ist erforderlich, um die Art der Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeit bei den einzelnen Patienten mit Hörminderungen zu bestätigen und die mögliche Heilung durch Behandlung zu untersuchen.

18. Die Nutzung von Cochlea-Implantaten könnte die kognitiven Fähigkeiten älterer Erwachsener mit einem beidseitigen schweren bis hochgradigen sensorineuralem Hörverlust verbessern.

19. Schwerhörigkeit ist kein Symptom einer Demenzerkrankung. Nichtsdestotrotz kann eine Behandlung der Hörminderung das Risiko einer Demenzerkrankung verringern.

Kostenfaktoren bei Cochlea-Implantaten
20. Einseitige Cochlea-Implantate bei Erwachsenen sind kosteneffizient. Dies gilt für den direkten Vergleich mit den Kosten, die entstehen, wenn der Hörverlust nicht mit einem Implantat oder überhaupt nicht behandelt wird. Eine Behandlung von Schwerhörigkeit mit Hörimplantaten wird mit weniger Arbeitslosigkeit und einem höheren Einkommen in Verbindung gebracht.

Evaluierung und Standpunkte

Das gemeinsame Papier wurde unter dem Titel „Unilateral Cochlear Implants for Severe, Profound, or Moderate Sloping to Profound Bilateral Sensorineural Hearing Loss, A Systematic Review and Consensus Statements” in der medizinischen Fachzeitschrift JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery veröffentlicht.

Quellen: Delphi Consensus Cochlear Implants Leave Piece, JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery, International Consensus Paper, Standard of care sowie Delphi Consensus Cochlear Implants Leave Piece.

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