25 Februar 2019

Kosten unbehandelter Schwerhörigkeit in der EU übersteigen den gesamten EU-Haushalt

Innerhalb der EU leben rund 22.6 Millionen Menschen mit einer unbehandelten, beeinträchtigenden Schwerhörigkeit. Mit jährlichen Folgekosten von 185 Milliarden Euro kostet unbehandelte Schwerhörigkeit somit 25 Millionen Euro mehr als der gesamte EU-Haushalt für das Jahr 2018. Die Kosten entstehen durch eine verringerte Lebensqualität und eine höhere Arbeitslosenrate bei Betroffenen.

Dies belegt die neue, wissenschaftliche Studie „Hearing Loss – Numbers and Costs” (zu Deutsch: „Schwerhörigkeit – Zahlen und Kosten”). Ihre detaillierten Ergebnisse werden am 6. März bei einer Konferenz im Europäischen Parlament in Brüssel präsentiert. Die Konferenz findet im Rahmen des Welttags des Hörens am 3. März statt.

Lebensqualität und Produktivitätsverlust

Unbehandelte, beeinträchtigende Schwerhörigkeit verringert die Lebensqualität der Betroffenen, was innerhalb der EU im Jahr 130 Milliarden Euro kostet. Durch eine höhere Arbeitslosenrate bei der betroffenen Personengruppe entsteht ein Produktivitätsverlust, der jährlich wiederum Folgekosten von 55 Milliarden Euro verursacht. In Summe belaufen sich die Kosten in der EU auf 185 Milliarden Euro. Das deckt jedoch nicht über die Extrakosten, die aufgrund der Hörbeeinträchtigung für die Gesundheitsvorsorge der Betroffenen benötigt werden. Wann es sich um bei einem Hörverlust um eine beeinträchtigende Schwerhörigkeit handelt, ist durch die Forschergruppe des Projektes „Global Burden of Disease” (GBD; zu Deutsch: „Globale Krankheitslast”) genau festgelegt und als ein Hörverlust von mehr als 35 dB definiert.

Europaweit belaufen sich die Kosten unbehandelter, beeinträchtigender Schwerhörigkeit auf 216 Milliarden Euro im Jahr.

Die Studie zeigt aber auch, dass der Gebrauch von Hörgeräten und anderen Hörlösungen das Wohlbefinden und die Lebensqualität von Schwerhörigen steigert. Sie weist zudem nach, dass Personen mit einer beeinträchtigenden Hörminderung, die unbehandelt bleibt, ein höheres Risiko haben, zu vereinsamen, in ihren kognitiven Fähigkeiten nachzulassen und an Depression und Demenz zu erkranken. Im Vergleich zu Normalhörenden besteht für Personen, die etwas gegen ihre Schwerhörigkeit unternehmen, kein erhöhtes Risiko.

In der EU leben 34.4 Millionen Menschen mit einer beeinträchtigenden Hörminderung und mehr als 22 Millionen von ihnen werden nicht behandelt. Das heißt, dass nur etwa jeder dritte Schwerhörige in der EU mit Hörgeräten oder anderen Hörlösungen versorgt ist. Insgesamt beläuft sich die Anzahl der Personen, bei denen eine beeinträchtigende Schwerhörigkeit unbehandelt bleibt, auf mehr als die Summe der Bevölkerungen von Österreich, Finnland, Irland und Litauen. Im Zuge der zunehmenden Alterung der Gesellschaft, der steigenden Lebenserwartung des Einzelnen sowie des früheren Beginns einer Schwerhörigkeit durch erhöhte Lärmbelastung wird die Zahl der Menschen mit Hörminderung in den kommenden Jahren noch weiter ansteigen.

Eine Metastudie

Bei dem Bericht „Hearing Loss – Numbers and Costs” handelt es sich um eine Metastudie, die Hunderte wissenschaftliche Studien und Artikel ausgewertet und miteinander verglichen hat. Alle in die Metastudie einbezogenen Veröffentlichungen wurden in den letzten zwei Jahrzehnten herausgegeben und beschäftigen sich mit der Häufigkeit und den Folgen von Schwerhörigkeit sowie der Anwendung und dem Nutzen von Hörgeräten.

„Die Studie führt uns deutlich vor Augen, dass unbehandelte Schwerhörigkeit ein erhebliches und weitverbreitetes Gesundheitsproblem darstellt, das eine immense ökonomische und soziale Auswirkung auf unsere Gesellschaft hat. Der Bericht zeigt aber auch, dass sich eine Untersuchung des Gehörs und die Behandlung einer Schwerhörigkeit auszahlen. Dies gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft“, so Kim Ruberg, Generalsekretär der Interessengemeinschaft hear-it AISBL, die den Bericht veröffentlicht hat.

Teste Dein Gehör

„Falls Sie glauben schwerhörig zu sein, möchte ich Ihnen eine Untersuchung Ihres Gehörs ans Herz legen. Sie können damit beginnen, Ihr Gehör selbst mit der „Check your hearing”-App der WHO zu testen, auf unserer Internetseite www.hear-it.org oder auf der deutschsprachigen Informationsseite www.ihr-hoergeraet.de. Sollten Sie tatsächlich Hörprobleme haben, rate ich Ihnen, sich einem eingehenden Hörtest bei einem Hörexperten zu unterziehen, also bei einem Hörakustiker oder HNO-Arzt”, fährt Kim Ruberg fort.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veranstaltet alljährlich am 3. März den „Welttag des Hörens”. Mit diesem Aktionstag möchte die WHO auf Taubheit und Schwerhörigkeit sowie deren Vorbeugung aufmerksam machen. Darüber hinaus sollen der Gehörschutz und die Hörgeräteversorgung weltweit gefördert werden. Dieses Jahr steht der Welttag des Hörens unter dem Motto „Check your Hearing” (zu Deutsch: „Teste Dein Gehör”).

Die Studie „Hearing Loss – Numbers and Costs” wurde im Auftrag der hear-it AISBL von Prof. em. Bridget Shield mit Unterstützung von Prof. Mark Atherton erstellt. Beide sind an der Brunel Universität zu London tätig. Im Jahre 2006 verfasste Prof. em. Bridget Shield den ersten Bericht für die Interessengemeinschaft. Dieser wurde unter dem Titel „Evaluation of the Social and Economic Costs of Hearing Impairment“ („Auswertung der sozialen und ökonomischen Kosten von Schwerhörigkeit“) veröffentlicht.

Studie
Studie „Hearing Loss – Numbers and Costs" (pdf)
Laden Sie hier die Pressemappe zur Studie herunter (ZIP-Ordner)